Der Transitzonen-Messie: Morgen wird alles besser!

Es gibt Transiträume und Transitzeiten. Sie kennen das aus dem Alltag. Sie wollen von zu Hause zur Arbeitsstelle. Der Raum dazwischen ist ein Transitraum und die Zeit dazwischen eine Transitzeit. Transitraum und Transitzeit hängen zusammen und beides zusammen nennen wir Transitzone.

Ihren Aufenthalt zu Hause und Ihren Aufenthalt an der Arbeitsstelle halten Sie für wertvoll, z.B., weil Sie sich zu Hause um Ihre Kinder kümmern oder weil Sie an Ihrer Arbeitsstelle etwas Sinnvolles produzieren. Die Transitzone dagegen gewinnt ihren Wert nur aus ihrem Zweck als Weg und Zeit von einer Station wertvollen Lebens zu einer anderen Station wertvollen Lebens. Den Transit zwischen diesen beiden Punkten empfinden Sie als vergeudete Lebenszeit. Es sei denn, Sie füllen auch diesen Bereich mit einer Beschäftigung, die Sie für wertvoll halten. Sie nutzen z.B. die Zeit in öffentlichen Verkehrsmitteln zum Lesen eines guten Buches oder zum Schlafen.

Dabei kommt es sehr auf Ihre innere Einstellung an. Stellen Sie sich vor, Sie haben es eilig, der Zug fährt Ihnen vor der Nase weg und Sie haben eine Stunde des Wartens vor sich. Der Bahnhof ist zugig und kalt. Sie haben nichts zu Lesen dabei. Das nackte Grauen. Und auf einmal kommt eine geliebte Person, die Sie selten sehen, auf den Bahnsteig und der Aufenthalt wird wertvoll und könnte ruhig länger dauern. An der Stunde Wartezeit hat sich nichts geändert, auch der Bahnhof ist der gleiche. Und doch ist der Aufenthalt auf dem Bahnhof wertvoll geworden. Nun stellen Sie sich vor, es gibt keine geliebte Person. Schauen Sie sich um, ob Sie etwas finden, was Sie lieben können, und sei es nur die Leere, die Sie umgibt … . Und wenn Sie nichts zu lieben entdecken, dann vielleicht doch etwas, was Sie interessant finden und beobachten können, und sei es, dass Sie sich selbst beobachten. Vielleicht schaffen Sie es, Transiträume und -zeiten als wertvolle Lebensräume und Lebenszeiten zu entdecken, so dass diese den Transitcharakter verlieren.

Transitzonen gibt es auch als Phasen des Lebens. Es gibt Menschen, die ihr ganzes Leben als Transitzone verstehen. Es handelt sich um Transitzonen-Messies: Sie erleben die Kindergartenzeit als Zeit des Wartens auf die Schulzeit. Kaum ist diese da, warten sie auf das Ende derselben und den Beginn des Berufslebens. Und dann warten Sie auf die Beförderung, den Ruhestand und schließlich den Tod. „Wenn ich erst mal dort bin, dann werde ich …“. Sie empfinden das Leben in der Gegenwart nur als Transit zu einem späteren Zustand, in dem das Leben wertvoll sein wird. Aber dieser Moment kommt nie, weil immer, wenn er da ist, der neue Transit auch schon da ist. Transitzonen-Messies hangeln sich von einer Zukunftsverheißung zur anderen, während das Leben zu ihren Füßen verrinnt. Dagegen hilft nur, seine Achtsamkeit, die Aufmerksamkeit auf das Hier und Jetzt zu schulen.

Eine besondere Form des Transitzonen-Messietums ist die Jenseits-Vertröstung, die sich in verschiedenen Formen in vielen Religionen findet. Sie erleichtert es Menschen, sich mit widrigen Umständen abzufinden, und ist deshalb bestens geeignet, Menschen in Unterdrückung zu halten. Der Preis, den der Mensch zahlt, der auf die Jenseits-Vertröstung vertraut, ist der Verlust der Selbstbestimmung und der Verantwortung für das eigene Leben und damit dafür, die Umstände, unter denen er leidet, zu verändern.

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