Die Magie der Vollständigkeit – Überlebenswichtige Denkkategorie und sinnloser Antrieb

Die Magie der Vollständigkeit spielt eine große Rolle beim Sammeln von Gegenständen und beim Hinausschieben von Entscheidungen. Sie erklärt das eine oder andere Messieverhalten und den einen oder anderen Aspekt des Messie-Syndroms.

Kennen Sie das?

  • In Ihrem Bücherregal steht Brehms Tierleben. Dritte Auflage. Neun Bände. Eigentlich sind es zehn. Der Band über die Fische fehlt. Fische interessieren Sie nicht. Trotzdem haben Sie das Gefühl, dass Ihre Sammlung von Brehms Tierleben nicht in Ordnung ist. Vielleicht schaffen Sie es ja, den fehlenden Band noch irgendwo zu ersteigern …
  • Sie wollen einen Fernseher kaufen. Sie informieren sich über LED, LCD, Plasma und OLED, Smart-TV, HD, UHD, 4K, Curved TV, Bildwechselfrequenzen, 3 D, HDMI, die verschiedenen Hersteller, Sie lesen Bewertungen, Tests und entscheiden sich am Ende zwar für Modell, aber das Gefühl bleibt, vielleicht nicht alles berücksichtigt zu haben.
  • „Ganz Gallien ist von den Römern besetzt… Ganz Gallien? Nein! Ein von unbeugsamen Galliern bevölkertes Dorf hört nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten“ (Einleitung der Asterix-Hefte). Sie sind Julius Caesar und hören das …

Sie haben das oder ähnliches sicher schon selbst erlebt: Sie tun etwas einzig und allein deshalb, weil Sie etwas vervollständigen wollen. Sie haben das Gefühl, etwas stimmt nicht, weil es nicht vollständig ist. Es gibt eine Magie der Vollständigkeit.

Vollständigkeit und Maßstab

Woher kommt diese Magie der Vollständigkeit? Schauen wir uns zunächst einmal an, wie wir das Wort „vollständig“ benutzen. Das Wort besteht aus zwei Teilen: Aus „voll“, das das Gegenteil von „leer“ bezeichnet, und aus „ständig“ mit der Bedeutung „ununterbrochen, fortwährend, andauernd“. Sie sehen schon, dass „voll“ sich mehr auf den sehr hohen Füllstand eines Dinges mit anderen Dingen und „ständig“ sich mehr auf die Kontinuität eines Geschehens bezieht. Der Begriff der „Vollständigkeit“ geht darüber hinaus: Die Beurteilung, ob etwas vollständig ist, geschieht mittels eines Maßstabes, anhand dessen aus der Masse der Gegenstände und dem unablässigen Lauf der Ereignisse in der Welt bestimmte Gegenstände und Ereignisse herausgehoben und nach bestimmten Kriterien zu einer Einheit zusammenfasst werden. „Vollständig“ bedeutet: „alles Dazugehörende umfassend, alle Teile aufweisend, lückenlos“ (Quelle: DWDS). Ein Geschehen kann vollständig sein, ebenso wie eine Zusammenfügung oder ein Zusammentreffen von Dingen.

„Der See ist vollständig.“ Das ist keine Aussage, mit der man etwas anfangen kann. Es fehlt der Maßstab für die Vollständigkeit. Mehr versteht man, wenn gesagt wird: „Der See ist vollständig leer“. Dann würde man annehmen, es gibt keinen Tropfen Wasser mehr im See. Umgekehrt würde man bei „Der See ist vollständig voll mit Wasser“ annehmen, dass kein Tropfen Wasser mehr hineinpasst. Etwas anderer Natur ist die Feststellung, eine Zahlenreihe sei vollständig. Sie setzt voraus, dass Sie wissen, im Hinblick worauf die Zahlenreihe vollständig sein soll, z.B. sämtliche ganze Zahlen zwischen eins und zehn.

Der Maßstab, ob etwas vollständig ist, kann je nach Gegenstand sehr unterschiedlich sein kann: Ein See ist vollständig mit Wasser gefüllt, wenn kein Tropfen mehr hineinpasst. Ein System ist dann vollständig, wenn kein Teil mehr hinzugefügt werden muss, damit es anforderungsgemäß funktioniert. Ein Vorgang ist vollständig abgeschlossen, wenn alle vorgeschriebenen Verfahrensschritte durchgeführt worden sind. Eine Sammlung von Gemälden eines bestimmten Künstlers ist vollständig, wenn sämtliche noch existierenden Gemälde dieses Künstlers beisammen sind. Oder: Wenn sämtliche Gemälde, die der Künstler je gemalt hat, beisammen sind. Letzterer Vollständigkeitsmaßstab hätte zur Folge, dass viele Gemäldesammlungen nie vollständig werden können, weil einige Werke schon untergegangen sind.

Sinn der Vollständigkeit

Sie ahnen es: Welchen Sinn es hat, nach der Vollständigkeit zu fragen, kann nicht einheitlich beantwortet werden. Man muss nach dem jeweiligen Sinn des Vollständigkeitsmaßstabes fragen. Aber ein paar typische Antworten gibt es schon:

  • Vollständigkeit als Voraussetzung der Funktionsfähigkeit: Eine Maschine, bei der Teile fehlen, ist im Regelfall nicht voll funktionstüchtig. Wer seine Telefonnummer unvollständig weitergibt, braucht sich nicht zu wundern, dass er nicht angerufen wird.
  • Vollständigkeit als Voraussetzung der Fehlerfreiheit: Wer alle relevanten Fakten kennt, kann eine Sachlage besser beurteilen und bessere Entscheidungen treffen, als jemand, der wesentliche Fakten nicht kennt.
  • Vollständigkeit als Voraussetzung der Abgeschlossenheit: Ist ein Vorgang vollständig, dann ist er abgeschlossen. Man braucht sich nicht mehr mit dem Vorgang zu beschäftigen, kann auf dessen Ergebnissen aufbauen oder etwas Neues beginnen. In diesem Sinne setzt Vollständigkeit auch dem Drang, immer mehr haben zu wollen, eine Grenze – mit dem Ergebnis, dass sich dieser Drang nun auf andere Objekte richtet: Nachdem die Römer ganz Gallien unterworfen haben, wenden sie sich Britannien und Germanien zu …
  • Vollständigkeit als Faktor von Sicherheit: Der dessen Lager und Vorratskammern vollständig gefüllt sind, kann längere Zeiten des Mangels besser überbrücken, als der, dessen Lager und Vorratskammern leer sind, oder der, der Lager und Vorratskammern gar nicht hat.

Vollständigkeit als überlebenswichtige Kategorie unseres Denkens

Vollständigkeit als Voraussetzung von Funktionsfähigkeit, Fehlerfreiheit, Abgeschlossenheit und Sicherheit ist eine überlebenswichtige Kategorie unseres Denkens. Und zwar seit der Steinzeit. Ein Speer, dem die Spitze fehlt, ist unvollständig und taugt deshalb zur Jagd nicht. Wer nicht weiß, ob die Früchte, die er sammelt, giftig sind, kennt eine relevante Tatsache nicht. Die Entscheidung, die Früchte zu essen, kann deshalb eine dramatische Fehlentscheidung sein. Wer nicht weiß, ob die Büffel, die an ihm vorbeigezogen sind, die letzten der Saison waren, wird ewig warten, anstatt sich der Vorbereitung auf den Winter zu widmen. Und wer selbst keine Vorräte für den Winter angelegt hat, wird diesen nur überleben, wenn andere ihm helfen.

Vollständigkeit ohne Sinn

Vollständigkeit ist also eine überlebenswichtige Kategorie unseres Denkens. Aber sie ist kein Wert an sich. Manchmal macht das Streben nach Vollständigkeit keinen rationalen Sinn. Die Magie der Vollständigkeit wird zum sinnlosen Antrieb, mitunter sogar zum Vollständigkeitswahn:

  • Ihr Lieblingsmusiker hat 12 CDs herausgebracht. Die haben Sie alle. Nun gibt es eine Best-of-CD. Die Songs auf dieser CD haben Sie alle. Sie haben sich auch schon selbst eine CD mit den Songs, die Ihnen am besten gefallen, gebrannt. Warum müssen Sie dann die Best-of-CD auch haben, obwohl dort nur Songs drauf sind, die Sie bereits auf den anderen CD´s haben? Sinn macht das nur, wenn Sie das Werk Ihres Lieblingsmusikers dokumentieren wollen. Aber sind Sie Musikhistoriker?
  • Sie heben alle Fotos auf, die Sie je gemacht haben. Und wenn Sie ein Motiv zwanzig Mal fotografiert haben und die Aufnahmen nur marginale Unterschiede aufweisen: Warum archivieren Sie alle zwanzig Aufnahmen? Warum genügt es nicht, dass Sie jeweils nur ein, zwei besonders gelungene Aufnahmen eines bestimmten Motivs aufheben?
  • Sie haben eine Kollektion von Winterastern in Ihrem Garten. Wo immer Sie in einer Gärtnerei sind und das Exemplar einer Winterasternart finden, die Sie noch nicht in Ihrem Garten haben, kaufen Sie es – und zwar unabhängig davon, ob Ihnen diese Winterasternart gefällt oder nicht. Warum beschränken Sie sich nicht auf die Winterastern, die Ihnen gefallen?
  • Sie füllen Ihren Kühlschrank, Ihre Küchenschränke und Ihre Vorratskammer bis zum Rand mit Lebensmitteln. Weil alles so voll ist, wissen Sie nicht, was Sie alles so gelagert haben – ganz zu schweigen davon, wie lange es noch haltbar ist. Sie kaufen sich täglich aufs Neue frisch zu essen. Warum essen Sie nicht erst einmal das auf, was Sie gelagert haben?

Manchmal verkehrt sich der Sinn von Vollständigkeit geradezu in sein Gegenteil. So ist z.B. die vollständige Kenntnis aller Informationen oft sinnvoll, wenn Sie eine gute Entscheidung treffen wollen. Sinnlos wird es dagegen, wenn es eine Unmenge von Informationen gibt und der Aufwand, die Informationen zu beschaffen und auszuwerten, in keinem Verhältnis zu der zu treffenden Entscheidung steht.

  • Sie wollen zum Beispiel ein Hotel in einer bestimmten Gegend für den Urlaub buchen. Sie finden auf einer Webseite ein Hotel, das Ihnen nach dem Internetauftritt gefällt. Sie lesen Bewertungen dieses Hotels auf entsprechenden Portalen. Nach Bewertung Nummer 165 lesen Sie immer noch weitere Bewertungen. Und wenn Sie nicht darüber gestorben sind, dann lesen Sie noch heute. Vielleicht finden Sie ja noch andere Hotels in der Nähe und erfassen auch die zu diesen vorhandenen Bewertungen. Sie schieben die Buchung immer weiter hinaus, um noch mehr Informationen zu beschaffen. Und zwar so lange, bis kein Zimmer mehr frei ist.

Was tun gegen Vollständigkeits-Messietum?

Wenn für Sie die Magie der Vollständigkeit keine negativen Folgen hat, spricht nichts dagegen, ihr weiter zu folgen. Warum sollte Ihnen verwehrt werden, Ihre Erfüllung im Sammeln bestimmter Dinge zu finden? Warum sollte Ihnen verwehrt werden, auch einfache Entscheidungen aufwendig vorzubereiten?

Haben Sie den Wunsch Ihr Verhalten zu verändern, sollten Sie darüber nachdenken, ob es einen rationalen Sinn dafür gibt, dass Sie versuchen, Vollständigkeit von was auch immer herzustellen, und ob die Verführung durch die Magie der Vollständigkeit etwas mit Ihrem Bedürfnis nach Sicherheit zu tun hat.

Neigen Sie zu ausgeprägtem Messieverhalten, sei es, weil Sie Gegenstände bis hin zur Vermüllung sammeln, sich um vitale Lebensbereiche nicht mehr kümmern, sei es, dass Sie nicht mehr fähig sind, Entscheidungen in wichtigen Angelegenheiten zu treffen, sollten Sie aktiv werden. Ein ausgeprägtes Messieverhalten oder gar ein Messie-Syndrom kann man nicht eindimensional auf die Magie der Vollständigkeit zurückführen. Sie kann aber eine Facette im Geflecht der seelischen Ursachen sein, um die Sie sich kümmern sollten, wenn sie Ihr Verhalten ändern wollen. Dazu finden Sie Hinweise unter Messies, Messieverhalten und Messie-Syndrom – Was können Betroffene tun?

Werbung Amazon Bestseller

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.