Messies, Messieverhalten und Messie-Syndrom

Lange Zeit verhinderte die gesellschaftliche Stigmatisierung von verwahrlosten Menschen, von Menschen, die in vermüllten Wohnungen leben, eine öffentliche und sogar eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Messie-Phänomen. Leider wird Messieverhalten vor allem durch voyeuristische und sensationsheischende Fernsehsendungen in den Blick der Öffentlichkeit gerückt. Und dabei wird das Messie-Phänomen eben auch auf Vermüllung und Verwahrlosung reduziert. Glücklicherweise gibt es immer mehr deutschsprachige Quellen im Internet, die hilfreiche Informationen zur Verfügung stellen. Der nachfolgende Beitrag stellt Ihnen auf dieser Quellengrundlage ein Bild von Messie, Messie-Syndrom, Folgen, Ursachen und Hilfe zur Verfügung. Er will keinesfalls ein Ratgeber sein. Als vom Messie-Syndrom Betroffener, als Angehöriger oder Helfender sollen Sie dennoch aus dem nachfolgenden Beitrag vor allem folgende Botschaft mitnehmen:

Suchen Sie sich professionelle Hilfe!

Im Übrigen gilt: Es gibt keine einfachen und für jeden gültige Antworten. Das Messie-Syndrom ist ein komplexes Phänomen. Der Forschungsbedarf ist riesig.

Was ist ein Messie?

Unter einem „Messie“ stellt man sich landläufig jemanden vor, der einen riesigen Haufen Müll in seiner Wohnung angesammelt hat und unter entsprechend ekelerregenden hygienischen Bedingungen dort lebt. Das gibt es, bildet aber nur einen kleinen Ausschnitt aus dem Phänomen des Messietums.

Der Ausdruck „Messie” leitet sich vom dem englischen Wort „mess” ab. Wenn man sich anschaut, was dieses Wort bedeutet, dann stellt man fest, dass es drei Gruppen von Bedeutungen hat:

Die erste Gruppe betrifft einen Mangel an Ordnung:

  • Durcheinander
  • Unordnung
  • Chaos
  • Desorganisation

Die zweite Bedeutungsgruppe dreht sich um einen Mangel an Sauberkeit:

  • Schweinerei
  • Sauerei
  • Ferkelei
  • Schmiere
  • Dreck
  • Sudelei

Und dann hat das Wort „mess“ noch eine Gruppe von Bedeutungen, die eher die Folgen mangelnder Ordnung oder Sauberkeit beschreiben:

  • Schwierigkeiten
  • Kuddelmuddel
  • Fiasko
  • Gemurkse (im Sinne von Pfusch)

Man kann also einen Messie beschreiben, als jemanden, der durch einen Mangel an Ordnung oder Sauberkeit nicht ganz unbedeutende Probleme bekommt.

Sogleich werden Sie fragen: Greift das nicht zu kurz? Was ist mit den Messies, die Unmengen sammeln, aber eine strikte Ordnung haben? Nun, ein Mangel an Ordnung und Sauberkeit kann auch darin bestehen, dass der Lebensraum von Gegenständen blockiert wird, dass er nicht von Unnützem „sauber“ gehalten wird.

Obwohl der Ausdruck „Messie“ von der Amerikanerin Sandra Felton, der Gründerin der Anonymen Messies,  Anfang der achtziger Jahre geprägt worden sein soll, verwendet man im angelsächsischen Sprachraum, soweit es um die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Messietum als Krankheit geht, nicht den Ausdruck „Messie“, sondern redet von „compulsive hoarding“ oder „hoarding disorder“. „Hoarding“ bedeutet Horten, Anhäufung oder Anhäufen, Hamstern, „compulsive“ zwanghaft und „disorder“ Störung, aber auch Unordnung, Verwirrung und Durcheinander.

Arten des Messieverhaltens

Man kann verschiedene Arten des Messieverhaltens unterscheiden. Der Psychologe Werner Groß unterscheidet vier Typen von Messies anhand der Ausprägung einer bestimmten Art von Verhalten:

  • Das Eichhörnchen hortet bis hin zur Vermüllung.
  • Der Zeit-Chaot kommt ständig zu spät und vergisst Termine, bis er seine Freunde oder seinen Job verliert.
  • Der Chaosarbeiter beginnt alles und bringt nichts zu Ende.
  • Der Ich-Chaot versteht von allem etwas, begeistert sich für alles, irrt zwischen Themen, Trends und Interessen umher, ohne je bei irgendeiner Sache zu bleiben.

Stufen des Messieverhaltens

Wer ist nicht zumindest zeitweise in irgendeinem Lebensbereich unordentlich oder unsauber und hat deswegen ein Problem oder Probleme? Kaum ein Mensch führt schon ein Leben völlig frei jeglichen Anflugs von Messieverhalten – mögen auch Art, Ausmaß und Dauer der Unordnung, der Unsauberkeit und der dadurch verursachten Probleme völlig unterschiedlich sein. Messieverhalten zeigen viele. Es kann aber nach Art, Ausmaß und Folgen sehr verschieden sein. Vielleicht kennen sie das:

  • Bevor Sie etwas nicht perfekt machen, machen Sie lieber gar nichts?
  • Sie versuchen so viele Dinge auf einmal zu machen, dass Sie zu gar nichts kommen?
  • Sie laufen los, um etwas zu holen, erledigen unterwegs gleich noch ein paar Dinge und haben am Ende vergessen, was Sie eigentlich holen wollten?
  • Sie benutzen Geräte, Handwerkszeug Teller, Tassen und wenn Sie fertig sind, lassen Sie sie einfach liegen?
  • Ihre Schränke sind so voll, dass Sie, wenn Sie etwas brauchen, immer erst ordentlich beiseite räumen müssen?
  • Sie sind regelmäßig auf der Suche, weil ihre Sachen keinen festen Platz haben?
  • Sie führen Arbeiten oder Projekte nicht zu Ende, sondern widmen sich lieber neuen?
  • Bei Ihnen gibt es Räume, in denen Sie Dinge auf dem Boden stapeln, weil anderswo kein Platz mehr ist?
  • Sie sind immer wieder erstaunt, was sich so alles findet, wenn Sie Ihre Schränke durchwühlen?
  • Sie überlegen, bevor Sie etwas wegwerfen, ob Sie das nicht noch für einen anderen Zweck gebrauchen könnte?
  • Verschieben Sie Aufgaben, die Ihnen widerstreben, auf später und gar auf das nächste Leben?
  • Sie sagen niemals „Nein!“?

Ich hoffe, Sie haben nicht alle Fragen mit „Ja!“ beantwortet. Dann gibt es nämlich gute Gründe dafür, nachzudenken, ob Sie nicht etwas verändern sollten …

Vereinzeltes Messieverhalten

Wenn Sie mehrere Tage lang Ihr Geschirr nicht abwaschen, so dass Sie für Ihr Frühstück keinen sauberen Teller mehr haben, dann zeigen Sie zwar ein Messieverhalten, weil Sie es insoweit an Ordnung und Sauberkeit mangeln lassen, und Sie haben ein Problem. Jedoch nur ein kleines und es erzeugt kein Leiden bei Ihnen. Deshalb besteht kein Handlungsbedarf. Solches vereinzeltes Messieverhalten ist räumlich oder zeitlich und in seinen Auswirkungen sehr begrenzt. Ob Sie etwas dagegen tun wollen, machen Sie mit sich selbst ab. Äußerer Druck, etwas zu verändern, besteht jedenfalls nicht.

Begrenztes Messieverhalten

Wird Ihr Leben zu einem nicht völlig unbedeutenden Teil von einem Chaos in einer bestimmten Lebenssphäre bestimmt, während andere Lebenssphären wenig oder nicht tangiert sind, dann handelt es sich um ein begrenztes Messieverhalten.

Wenn etwa in Ihrem Schlafzimmer Chaos herrscht, weil Ihre Kleiderschränke überquellen und Sie deshalb Ihre Kleidung überall im Schlafzimmer verteilen, während Sie in den anderen Zimmern und im Büro gut Ordnung halten, dann haben sie ein überschaubares Problem. Wenn Sie eine Menge Zeit damit verschwenden, die Kleider zu finden, die Sie tragen wollen, dürfen Sie sich schon als „Messie“ bezeichnen. Wenn Sie aber unter dem Suchen nicht leiden und alleine leben, besteht kein Druck, etwas zu ändern.

Anders liegt es, wenn Sie, weil Sie nichts passendes zum Anziehen finden, täglich zu spät zur Arbeit kommen, weil Sie mit der Auswahl Ihrer Kleidung überfordert sind, wenn Sie keinen Platz mehr zum Schlafen finden und Ihre Nerven schon blank liegen, wenn Sie nur an die morgendliche Sucherei denken. Dann leiden Sie. Wenn Sie das nicht wollen, dann sollten Sie etwas verändern.

Und was ist, wenn Sie zwar einige Probleme haben, aber nicht darunter leiden, weil es Ihnen herzlich egal ist, ob Sie zu spät zur Arbeit kommen und wie Sie schlafen? Dann werden Sie keinen Handlungsdruck verspüren, sondern erst, wenn Sie aus der Firma rausgeflogen sind, die Miete nicht mehr bezahlen können und der Gerichtsvollzieher Ihre Kleidersammlung in den Müll wirft. Dann dürfen Sie von sich sagen: Ich habe ein Messie-Syndrom. Aber das nutzt Ihnen dann auch nur was, wenn Sie sich Hilfe suchen.

Ausgeprägtes Messieverhalten

Haben Sie ein ausgeprägtes Messieverhalten entwickelt, erfasst also Ihr Messieverhalten alle oder den überwiegenden Teil Ihrer Lebensbereiche, dann haben Sie echte Probleme. Wenn Sie Angehörige haben, werden Sie Leiden verursachen. Und auch wenn Sie selbst jetzt noch kein Leiden verspüren, eines Tages wird es so weit sein. Und sei es, weil man Ihnen Ihre schöne Sammlung mit Gewalt wegnimmt. Sie sollten also etwas verändern.

Das Messie-Syndrom

Was ist das Messie-Syndrom?

Wir zeigen alle irgendwann und irgendwo irgendein Messieverhalten. Es gibt Menschen, bei denen solches Verhalten großen Raum einnimmt. Daraus resultieren große Probleme. Dann spricht man vom „Messie-Syndrom“. Manchmal wird auch der Begriff „Desorganisationssyndrom“ benutzt.

Syndrom ist die Bezeichnung eines Zustandes oder eines Zusammenhanges, der durch das gemeinsame Auftreten oder ein bestimmtes Muster von Symptomen gekennzeichnet ist. Das Messie-Syndrom ist gekennzeichnet durch ein gesteigertes Maß an Unfähigkeit, den Alltag zu organisieren und wesentliche Lebensbereiche, insbesondere die Wohnung, sauber und ordentlich zu halten. Derartiges Verhalten kann zu doppeltem Leiden führen, nämlich zum Leiden des Menschens, der das Messie-Syndrom zeigt, und zum Leiden der Menschen in seiner Umgebung, die mit den Folgen des Messie-Syndroms konfrontiert sind.

Obwohl Messies selbst die Schwelle zum Messie-Syndrom danach definieren wollen, ob sie an der Situation leiden, sollte das Leiden des Messies nicht zum Kennzeichen des Messie-Syndroms gemacht werden. Es genügt, dass die Probleme, die das Messieverhalten verursacht, so groß sind oder wahrscheinlich so groß werden, dass absehbar ist, dass das Leiden folgen wird – und sei es nur, weil andere sich ohne Rücksicht auf die Befindlichkeit des Messies um die Probleme kümmern werden.

Der österreichische Psychotherapeut Richard L. Fellner verfolgt eine andere Herangehensweise. Er fragt danach, wann das Messieverhalten „als krankhaft bzw. psychische Störung“ zu bezeichnen ist. Er bejaht das, „wenn die betroffene Person

  1. ihr Verhalten alleine nicht mehr in den Griff bekommen kann,
  2. Ratschläge (der Umwelt, Hilfsangebote von Dritten, Selbsthilfe-Bücher etc.) nicht mehr weiterhelfen, und
  3. längere Zeit hindurch keine merkbare und dauerhafte Verbesserung erzielbar ist.“

Wieviele Menschen sind vom Messie-Syndrom betroffen?

Über die Zahl der in Deutschland vom Messie-Syndrom Betroffenen gibt es nur Schätzungen von Selbsthilfegruppen. Sie schwanken zwischen 1,8 und 2,5 Millionen Menschen. Eine statistische Erfassung wäre auch kaum möglich, da nicht klar abgrenzt werden kann, wer nur unordentlich, wer Messie und wer vom Messie-Syndrom betroffen ist. Die International OCD Foundation schätzt, dass 2 bis 4 % der Weltbevölkerung betroffen sind.

Gedankenwelt und inneres Chaos eines Menschen mit Messie-Syndrom

Das äußere Chaos eines Menschen mit Messie-Syndrom entspringt einem inneren Chaos. Dem sichtbaren Chaos entspricht ein unsichtbares Chaos.

Ein Mensch mit Messie-Syndrom macht sich sehr viele Gedanken über die Bewältigung der Anforderungen des Alltages. Er kann nicht einen Plan aufstellen und diesen dann zielstrebig abarbeiten. Anstatt zu handeln, kreisen seine Gedanken. Er unterscheidet nicht zwischen wichtigen und unwichtigen, dringenden und weniger dringenden Aufgaben. Er weist allen Aufgaben die gleiche Priorität zu. Es fällt ihm deshalb schwer, zu strukturieren. Alltägliche Aufgaben stellen ihn vor oft unüberwindbare Entscheidungsschwierigkeiten. So kann er nicht einmal die einfachsten Dinge des Alltags erledigen. Stattdessen schiebt er sie auf bis zum Sankt Nimmerleins-Tag. Er hat diffuse Ängste. Oft will er die perfekte Entscheidung treffen, den perfekten Plan schmieden, die sauberste Arbeit leisten. Da ist so viel zu überlegen … . Übrig bleiben Handlungen, die zur unmittelbaren Befriedigung führen, z.B. der Erwerb einer Tüte Chips bei der nächsten Tankstelle, wenn der Hunger quält.

Wenn ein Mensch mit Messie-Syndrom sich schwungvoll und begeistert einer neuen Aufgabe widmet, wird es ihm früher oder später zu viel und seine Aufmerksamkeit sucht sich neue Ziele, so dass er das Angegangene nicht zu Ende führt, sondern etwas Neues beginnt, das er dann ebenfalls unfertig liegen lässt.

Situationen, die er nicht kennt, oder Veränderungen mag er überhaupt nicht. Sie setzen ihn unter Stress bis hin zur Panik.

Zugleich identifiziert sich ein Mensch mit Messie-Syndrom besonders stark mit Dingen. Das macht es ihm schwer, sich von Dingen zu trennen. Wenn er beurteilt, welche Dinge von Wert und Nutzen sind, folgt er seinen eigenen Maßstäben, die mit den Maßstäben der übrigen Bevölkerung kaum übereinstimmen. Und so kommt es vor, dass er leere Milchpackungen als künftige Wasserkanister sammelt, während der Rest der Bevölkerung sie für Müll hält. Allerdings findet die Milchpackung nie ihre Verwendung als Wasserkanister. Denn die Idee, zu welchem Verwendungszwecke man das Ding aufheben wollte, scheitert spätestens an der Unfähigkeit, einen Plan durchzuführen – wenn nicht der Verwendungszweck von vorneherein war, dass das Ding schon zu irgendetwas zu gebrauchen sein wird.

Äußere Anzeichen des Messie-Syndroms

Das Messie-Syndrom kann völlig unterschiedliche Ausprägungen haben. Die fehlende Ordnung kann alle oder nur bestimmte Lebensbereiche betreffen, auffällig oder unauffällig sein. Sie kann sich vorwiegend auf räumliche Anordnungen beziehen, aber auch auf zeitliche Abläufe. Die starke Identifizierung mit Dingen kann exklusive Musikinstrumente oder Speisereste oder beides betreffen.

Unordnung des häuslichen Bereichs

Der klassische Messie, so wie er gern im Fernsehen gezeigt wird, sammelt Unmengen verschiedenster Dingen in seiner Wohnung und findet sich nicht mehr zurecht. Das gibt es. Aber viele Menschen mit Messie-Syndrom sammeln nur bestimmte Gegenstände, z.B. Kunstbände, und entwickeln geniale Ordnungssysteme, um die Massen zu bewältigen. Die Kunstbände werden akribisch geordnet, die Regale beschriftet. Und irgendwann gibt es so viele gut geordnete Regale in der Wohnung, dass kein Durchkommen mehr ist. In einer mit Kunstbänden gefüllten Dusche lässt es sich auch schlecht duschen. Manchmal stürzt auch der Boden ob des enormen Gewichts der Kunstbände ein.

Andere wiederum horten wahllos die unterschiedlichsten Gegenstände in beschrifteten Kisten und Kästchen, wo alles seinen Platz findet, bis es zu voll wird. Und dann werden neue Kisten und Kästchen gekauft.

Manche Wohnungen weisen ein Nebeneinander aus akribischer Ordnung und Sauberkeit und anderseits Chaos auf. Da gibt es Menschen, die Zeitungen sammeln, die sie nicht vollständig gelesen haben. Der Plan ist, sie zu lesen, wenn der Ruhestand da ist. Wären da nicht täglich nur die fünf neuen Zeitungen! Da abonniert man doch gleich noch eine Zeitung dazu … . Die Zeitungen werden, wo sie gerade hinpassen, in riesigen Haufen im Schlafzimmer, im Bad und im Wohnzimmer bis unter die Decke gelagert. Und Sie betreten die Küche und trauen Ihren Augen nicht: Sie gleicht einem blitzblank geputzten Operationssaal! In manchen Wohnungen gibt es auch ein Zimmer, das vor Besuchern verborgen gehalten wird, weil dort die wertvollen Schätze lagern.

Die Wohnungen, die Besuchern völlig chaotisch erscheinen, sind gefüllt mit Türmchen, Stapeln und Haufen aus den unterschiedlichsten Dingen. Aber das Chaos kann täuschen. Manchmal – aber nicht immer! – hat der Messie schon eine Ordnung, die zwar nur er versteht, mit deren Hilfe er aber fast alles findet. Fassen Sie also bloß nichts an und verändern Sie nicht den Platz!

Die Dinge und das Chaos breiten sich oft schleichend und dann exponentiell aus. Erst werden die Regale in Beschlag genommen, dann Stühle, Sessel, Tische, dann der Boden, schließlich Bett, Badewanne und Herd. Am Ende entsteht ein dreidimensionales Chaos, ein Mäusebau, der manchmal nur noch auf engen Gängen, manchmal nur noch kletternd begangen werden kann. Manchmal können Teile der Wohnung überhaupt nicht mehr betreten werden.

Vermüllung und Verwahrlosung

Eine für die Mitmenschen besonders unangenehme Symptomatik des Messie-Syndroms sind die Vermüllung und die Verwahrlosung, die das landläufige Bild vom Messie prägen. Beide gehen Hand in Hand. Früher sprach man von Diogenes-Syndrom, heute eher vom Vermüllungs-Syndrom.

Die eingeschränkte Fähigkeit, Alltägliches zu organisieren, zeigt sich oft gerade in mangelhafter Haushaltsführung und mangelhafter Körperhygiene. Die Nichterledigung von Alltäglichem hinterlässt Spuren: Abfallberge, Haufen dreckigen Geschirrs, Gammelnde Nahrungsmittelreste, Körpergeruch … . Auch kann sich der innere Zwang, Dinge zu behalten, gerade auch auf wertlose oder verbrauchte Dinge, also Müll, manchmal sogar auf verdorbene Lebensmittel beziehen.

Wenn Fortbewegung kaum mehr möglich ist, weil sich immer mehr Dinge ansammeln, die den Lebensraum wegnehmen, ist es oft schon rein räumlich kaum noch möglich, sich um die Essensreste zu kümmern, das Geschirr abzuwaschen, die Wohnung zu putzen und ab und zu mal zu duschen, die Wäsche zu waschen oder auch nur die Wohnung zu lüften. Der Dreck bleibt einfach liegen, wo er hinfällt. Ungeziefer nistet sich ein. Manchmal fällt nicht einmal mehr Tageslicht ein.

Es gibt Messies, die solche Zustände zum Teil kompensieren können, indem Sie auswärts essen, in öffentlichen Bädern duschen und in den Waschsalon gehen. Sie sind ordentlich gekleidet und wirken gut gepflegt. So können sie den äußeren Anschein wahren.

Vielen gelingt das jedoch nicht. Denn ein zweiter Mechanismus kommt hinzu. Typisch für das Messie-Syndrom ist die eingeschränkte Fähigkeit, Alltägliches zu organisieren. Und wenn man schon kaum so einen normalen Alltag organisieren kann, wie viel schwerer ist es dann, in seinen Alltag Strukturen zu bringen, wenn man in einer solchen Wohnung lebt! Der Mensch mit Messie- Syndrom lebt in einem Zustand permanenter Überforderung.

Der Psychoanalytiker Peter Dettmering unterscheidet drei Grade der Vermüllung von Wohnungen:

  • Plunder mit System: Wertlose Gegenstände werden nach einem „Ordnungsschema“ gesammelt. Manchmal gibt es ein Gangsystem, das an einen Nagetierbau erinnert.
  • Plunder ohne System: Die Gegenstände werden ohne System gehortet. Die Wohnung gleicht einer Müllhalde. Wichtige wichtiger Gebrauchsgegenstände, z.B. Herd oder sanitäre Anlagen können nur noch stark eingeschränkt genutzt werden.
  • Verwahrlosung:
    Die Wohnung ist unbewohnbar, weil die hygienischen Einrichtungen nicht mehr funktionieren. Oft finden sich Essensreste, Urin und Exkremente im Wohnbereich.

Unordnung anderer Bereiche

Es gibt auch Menschen mit Messie-Syndrom, die Chaos und Sammelwut in ihrem Büro austoben. Sie halten das für ein kreativitätsförderndes Umfeld.

Aber auch die digitale Welt bietet einen unendlichen Lebensraum für Messies. Sie sammeln auf ihrem PC Dateien, insbesondere Medien, ohne Ende. Ab und zu versuchen sie Ordnung hinein zu bringen. Aber natürlich nur, ohne eine einzige Datei zu löschen. Und mit den nächsten fünfhundert Dateien ist die Ordnung schon wieder dahin. Irgendwann ertrinken sie in der Datenflut. Das Drama bleibt für Dritte unsichtbar.

Unordnung des Papierkrams

Weniger unsichtbar ist das Drama, das sich abspielt, wenn das Messie-Syndrom, wie so oft, auch die Bewältigung des persönlichen Papierkrams, des persönlichen Schriftverkehrs und der Verwaltung persönlicher Angelegenheiten voll erfasst. Wer Briefe nicht öffnet, Rechnungen und Mahnungen ungelesen irgendwohin legt, Briefe nicht abschickt, wichtige Unterlagen nicht mehr findet, wird bald erhebliche Probleme mit Behörden, mit dem Vermieter, mit Versorgungsunternehmen etc. bekommen. Bald gibt es keinen Strom, kein Telefon und keine Heizung mehr und irgendwann klingelt der Gerichtsvollzieher an der Tür.

Soziale Symptome

Die sozialen Symptome des Messie-Syndroms sind bedrückend. Sie sind typischerweise – aber nicht nur – Folgen des angerichteten Chaos.

Die häufig anzutreffende chronische Unpünktlichkeit von Menschen mit Messie-Syndrom beruht nicht immer nur auf der beeinträchtigten Fähigkeit, den Alltag zu organisieren. Der Messie ist schlichtweg damit beschäftigt, sich um sein Chaos und seine Sammlung von Dingen zu kümmern. Wenn man noch schnell das Glas mit den Bonbons aus dem Jahre 1968 finden will, kann es halt passieren, dass die Zeit etwas aus dem Blick gerät.

Sozial geht es für die meisten Menschen mit Messie-Syndrom auf die Dauer bergab. Sie wissen, dass ihre Sammelwut und Chaos nicht „normal“ sind und schämen sich. Also reduzieren sie ihre sozialen Beziehungen bis hin zu einer fast totalen Isolation. Die Wohnung wird zu Käfig und Schutzburg. Sie laden andere nicht ein. Bestehende Kontakte brechen sie ab. Soziale Interaktionen verlagern sie in Chatrooms. Ihre Kinder dürfen niemanden mit nach Hause bringen. Partnerschaften und Familienleben sind enormen Belastungen ausgesetzt.

Andererseits gelingt es vielen Menschen mit Messie-Syndrom, außerhäuslich ihre Defizite im häuslichen Bereich zu kompensieren. Außerhäuslich fallen sie nicht auf, wirken kreativ, optimistisch und vielseitig interessiert, gelegentlich mit einem Hang zum Perfektionismus. Sie engagieren sich beruflich sehr stark, oft auch gesellschaftlich. Weil sie aber nicht vernünftig planen, ihre Zeit nicht vernünftig einteilen können, überfordern sie sich häufig. Das kann wiederum ihre Grundproblematik und damit das Messieverhalten verstärken.

Bei ungünstigem Verlauf kann das Messie-Syndrom jedoch infolge Vermüllung und Verwahrlosung, aber auch infolge Entscheidungsschwäche und mangelndem Durchhaltevermögen zum Verlust der Wohnung und des Arbeitsplatzes führen. Einige landen dann auf der Straße, wo sie erneut anfangen zu sammeln.

Messie-Wohnungen bleiben lange unentdeckt. Treten dann aber Gebäudemängel vom Ausfall von Hausinstallationen bis hin zu statischer Überlastung auf oder beschweren sich Nachbarn über Geruchsbelästigung und Ungezieferbefall, ist der Weg zur Kündigung und Räumung der Wohnung nicht weit. Oft geht aber die Wohnung auch deshalb verloren, weil der Papierkram nicht erledigt und so finanzielle Verpflichtungen gegenüber dem Vermieter nicht eingehalten werden. In den seltensten Fällen geben Menschen mit Messie-Syndrom in einem Akt der Befreiung ihre Wohnung auf.

Der Verlust der Wohnung zieht in der Regel auch den Verlust des Arbeitsplatzes nach sich. Natürlich gilt das auch umgekehrt. Der Arbeitsplatz geht im Übrigen verloren, wenn der Betroffene zunehmend von seinem inneren und äußeren Chaos beherrscht wird und deshalb seine Arbeitsleistungen rapide sinken. Arbeitgeber nehmen regelmäßig nur ein gewisses Maß an Unzuverlässigkeit hin. Und eine Kündigungsschutzklage anzustrengen, schafft der Betroffene meist nicht mehr.

Psychische Folgen

Auch die psychischen Folgen des Messie-Syndroms sind bedrückend. Nicht nur, dass die zugrundeliegenden seelischen Probleme (dazu unten) nicht bewältigt werden, das Messie-Syndrom verstärkt diese und fügt neue hinzu. Das kann auch zu psychosomatischen Störungen führen.

Die wenigsten Betroffenen empfinden ihr Verhalten als unproblematisch. Sie wissen, dass es nicht rational ist, zu horten und zu horten. Sie wissen, dass unter den verschüttet gegangenen Papieren wichtige Schreiben stecken. Sie wissen, dass sie eine Aufgabe nach der anderen angefangen und dann unerledigt gelassen haben. Sie wissen, dass der Zustand der Wohnung ekelerregend ist. Sie wissen, dass es ihren Kindern und ihrem Partner nicht gut geht. Das Chaos ist keine Wohlfühloase, sondern erzeugt Stress und Angst. Viele sehnen sich nach einer aufgeräumten Wohnung und einem aufgeräumten Leben. Zugleich aber haben Sammeldrang und eingeschränkte Fähigkeit, den Alltag zu organisieren, eine seelische Funktion, die verhindert, dass sie ihrer Einsicht folgen, loslassen und einen Abfallcontainer anrollen lassen. Dieser Zwiespalt hält die Betroffenen in ständiger innerer Anspannung und Zerrissenheit. Sie fühlen sich überfordert und hilflos dem von ihnen angerichteten Chaos ausgeliefert. Sie erleben sich als inkompetent. Chaos und gehortete Dinge nehmen den Raum und die Energie weg, die sie eigentlich benötigen, um ihre Persönlichkeit zu entwickeln.

Die drei Grade des Messie-Syndroms nach Johannes von Arx

Johannes von Arx unterscheidet drei Grade des Messie-Syndroms (zitiert nach: Oliver Prygotzki: Messie-Syndrom – Beschreibung, seelische Ursachen, Hilfe & Heilung).

 „Prä-Messies“„Messies“Verwahrloste
CharakterzugAn vielem interessiertAn allem interessiertAn nichts interessiert
KrankheitswertFast immer: Psychosomatische Krankheiten, Depression, Sucht, ADS, Körperbehinderung, ZwangDiagnostizierbare Krankheit, Schizophrenie, Demenz, Drogen
FähigkeitenAb und zu „richtig“ aufräumen könnenFunktionsfähig bleiben können (innen und außen)Nur noch minimale Fähigkeiten
UnfähigkeitImmer sofort Ordnung schaffen zu könnenBrauchbares fortwerfen können, Ordnungsstrukturen aufrecht erhalten könnenFast keine Strukturen aufrecht erhalten können
Gegenstände, realer EindruckMaterial einer oder zwei Sorten, z.B. Papier, meist auf einen Teil der Wohnung begrenztMehrere Sorten an Materialien, teilweise oder ganz ungeordnet herumliegend, Wohnungseinrichtungen meist noch funktionstüchtigAbfall, Essensreste, Schmutz, Gestank, Wohnungseinrichtungen meist nicht mehr funktionstüchtig
HeimbesucheKaum ProblemMeist großes ProblemUnmöglich
HygieneKein ProblemKein oder minimales ProblemGroßes bis extremes Problem
Berufuneingeschränkt arbeitsfähigTeilblockaden durch Krankheit und/oder Chaosmeistens großenteils bis ganz arbeitsunfähig

Ursachen

Soziale Ursachen

Eins ist sicher: Das Messie-Syndrom ist nicht schichtabhängig. Betroffen sind Menschen aus allen sozialen Schichten, vom Banker bis zum Handwerker, vom Akademiker bis hin zu Menschen ohne Schulabschluss.

Dass es immer mehr Betroffene gibt, hängt sicherlich auch mit unserer Wohlstandsgesellschaft zusammen. Die Verfügbarkeit von Waren hat ein unglaubliches Ausmaß erreicht. Man kann quasi jederzeit über Internet alles kaufen und es wird einem noch nach Hause geliefert. Und die Verführbarkeit von Waren ist dank der enormen Medienpräsenz von Werbung geschichtlich ohne Vorbild.

Krankheiten

Das Messie-Syndrom wird mit vielen Krankheiten und seelischen Störungen in Verbindung gebracht:

  • Angsterkrankungen
  • Affektive Störungen
  • Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADS)
  • Bindungsstörungen
  • Borderline-Störung
  • Depressionen
  • Demenz
  • Entwicklungsstörungen
  • Hirnorganisches Psychosyndrom
  • Nazistische Störung
  • Persönlichkeitsstörungen
  • Psychosen
  • Schwäche im exekutiven System des Gehirns
  • Störungen der Selbstregulation
  • Suchterkrankungen
  • Schizophrenie
  • Traumata
  • Zwangserkrankungen bzw. Zwangsstörungen

Damit sind fast alle seelischen Erkrankungen angesprochen.

Deutungsmöglichkeiten insbesondere des Hortens gibt es in Hülle und Fülle: So kann das Horten ein symbolischer Ersatz für einen erlittenen Verlust (Tod wichtiger Bezugspersonen, Scheidung, Krankheit, Arbeitslosigkeit), als Kompensation verloren gegangener Beziehungen gedeutet werden. Es kann auch als Kompensation fehlenden Seins durch das Haben verstanden werden. Oder als Ausdruck krankhaften Geizes.

Das Messie-Syndrom als eigenständiges Krankheitsbild

Ob das Messie-Syndrom daneben auch als eigenständige Krankheit zu betrachten ist, ist nicht ausdiskutiert. In den USA gibt es das anerkannte Krankheitsbild des Hoarding-Syndroms. Mehr dazu finden Sie bei Veronika Schröter: Studie zum Messie-Syndrom.

Letztlich ist es aber auch nicht entscheidend, ob das Messie-Syndrom nun eine eigenständige Krankheit ist oder nicht. Wichtig ist, dass die Betroffenen gut behandelt werden.

Was können Betroffene tun?

Nach dem Vorangegangenen ist klar: Wenn die Betroffenen in ihrem Leben etwas ändern wollen, müssen sie an den zugrundeliegenden seelischen Problemen arbeiten.

So etwas schaffen die wenigsten ohne professionelle therapeutische Hilfe. Es gibt die verschiedensten Therapieformen. Für Betroffene erscheint eine Verhaltenstherapie, in der sie strukturiertes Verhalten und insbesondere Ordnung schaffen lernen sollen, oft als der einfachere Weg, weil sie meinen, sie könnten damit eine Auseinandersetzung mit ihren seelischen Leiden vermeiden. Das ist aber ein Irrtum. Ohne eine solche Auseinandersetzung, die auch im Rahmen einer Verhaltenstherapie erfolgen kann, wird es keine nachhaltige Veränderung geben.

Es gibt Parallelen zu Suchterkrankungen. Eine erfolgreiche Therapie setzt voraus, dass der Betroffene überhaupt einen entsprechenden Willen hat. Daran fehlt es zunächst meist. Angehörige und Helfende strampeln sich ab, um dem Betroffenen beizustehen, der aber macht munter weiter. Erst, wenn der Mensch mit Messie-Syndrom einschneidende Konsequenzen, z.B. Trennung des Partners, Wohnungs- oder Arbeitsplatzverlust, erfährt, wächst seine Bereitschaft, Hilfe anzunehmen.

Manchmal ist es hilfreich, wenn der Betroffene zunächst eine Selbsthilfegruppe besucht. Solche Gruppen arbeiten nach ähnlichen Prinzipien wie die Anonymen Alkoholiker. Dort erkennen sie, dass sie nicht einzigen auf der Welt sind, die solche Schwierigkeiten haben. Das kann es leichter machen, sich therapeutischer Hilfe zu öffnen.

Solche Gruppen sind manchmal auch nach abgeschlossener Therapie hilfreich. Wenn die Betroffenen nämlich immer noch viel Energie aufwenden müssen, um nicht in alte Muster zurückzufallen. Dann erinnert der regelmäßige Besuch einer Gruppe daran, dass es sich lohnt, nicht rückfällig zu werden.

Ebenfalls – und zwar in Absprache mit dem Therapeuten – therapiebegleitend oder nach Abschluss einer Therapie sinnvoll können ein Coaching oder die Inanspruchnahme eines Aufräum-Helfers sein. Coach oder Aufräum-Helfer können mit Rat und Tat unterstützen, ein praktikables Konzept zu entwickeln, wie der Ist-Zustand verbessert werden kann, und mit Rat und Tat dabei unterstützen, dieses Konzept dann auch durchzuziehen. In der Regel wird dies darauf hinauslaufen, einen Lebensbereich nach dem anderen  zu entschlacken und neu zu ordnen. Dabei werden zentrale und wichtige Lebensbereiche zuerst anzugehen sein. Unzugängliche Sanitäranlagen haben z.B. Priorität vor einem zugemüllten Keller. Von zentraler Bedeutung ist regelmäßig auch, den Papierkram in Ordnung zu bringen, damit finanzielle und administrative Pflichten erfüllt werden können.

Einige hilfreiche Adressen finden Sie unter Hilfsangebote für Menschen mit Messie-Syndrom, Angehörige und Helfende.

Folgen für Angehörige

Da Kinder am wenigsten in der Lage sind, die Situation zu verstehen und mit ihr konstruktiv umzugehen, sind sie am schlimmsten von den Folgen des Messie-Syndroms betroffen. Es braucht nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, dass die Angewohnheit, leere, aber nicht abgewaschene Joghurtbecher zu sammeln, für das Kind des Sammlers nicht nur unangenehm ist, sondern erhebliche seelische Beeinträchtigungen zur Folge haben kann. Und auch das massenhafte Horten von Elektroschrott macht aus dem Kind keinen Elektrotechniker. Die Desorganisertheit des Elternteils tut ihr Übriges. Das Zuhause eines Menschen mit Messie-Syndrom ist für dessen Kind kein Abenteuerspielplatz, sondern ein Ort des Grauens.

Mit den Folgen des Messie-Syndroms für die Kinder des Betroffenen ist es wie bei anderen seelischen Erkrankungen auch: Sie erleben eine tiefgreifende Desorientierung und können von Ängsten geplagt werden. Der Riss zwischen der Welt zu Hause und der Welt draußen ist ohne Hilfe kaum zu überbrücken. Sie verhalten sich loyal zum betroffenen Elternteil und versuchen, dessen Bedürfnissen gerecht zu werden. Das geht auf Kosten der eigenen Bedürfnisse. Da die Erfüllung der Bedürfnisse des Elternteils aber nie zur Besserung führt, kann das Kind Schuldgefühle entwickeln. Gleiches gilt, wenn es seinen eigenen Bedürfnissen den Vorrang gibt oder auch nur den Wunsch dazu hat. Da das Messie-Syndrom gesellschaftlich stigmatisiert ist, tauschen sich die Kinder eines Menschen mit Messie-Syndrom mit anderen nicht über ihre Belastungen und ihr Leid aus, sondern versuchen, sie zu verbergen. In der Welt draußen kann ein solches Kind sehr angepasst wirken. Es kann sich zurückziehen. Es kann aber auch durch Aggressivität auffallen. Kinder eines Elternteils mit Messie-Syndrom haben wie die Kinder anderer psychisch Kranker ein erhöhtes Risiko, selbst ebenfalls psychisch zu erkranken.

Partner und andere Angehörige, insbesondere die Eltern, kann das Messietum in die Verzweiflung treiben. Partnerschaften überleben ein fortschreitendes Messie-Syndrom oft nur, weil es wie mit dem Frosch und dem heißen Wasser ist: Fällt ein Frosch in einen Topf mit heißem Wasser, springt er sofort hinaus. War das Wasser dagegen kalt und kommt erst langsam zum Sieden, hält er bis zum bitteren Ende aus. Typisch ist, dass Angehörige zu Co-Messies werden, indem sie Unordnung und Vermüllung in Schach halten, Unpünktlichkeiten entschuldigen etc. Sie machen die Probleme, die das Messie-Syndrom erzeugt, zu ihren eigenen.

Wie können Angehörige und Freunde helfen?

Sie wollen einem Menschen mit Messie-Syndrom helfen? Im Fernsehen schicken wohlmeinende Angehörige und Freunde einen Trupp in die vermüllte Bude und misten mal so richtig ordentlich aus. Die Realität ist anders: Zwingen Sie Ihre Hilfe nicht auf und führen Sie keine Aufräumaktion gegen oder ohne den Willen des vom Messie-Syndrom Betroffenen durch. Er identifiziert sich mit den gehorteten Gegenständen so stark, dass eine solche Aktion eine schwere psychische Krise auslösen kann. Werden seine Gegenstände weggeworfen, empfindet er das so, als würde ein existenzieller Teil seines Lebens weggeworfen werden. Merke: Erst Therapeut, dann Aufräum-Helfer!

Die Wahrheit ist: Sie können dem Betroffenen nur helfen, wenn er das selbst will:

  • Wenn er Sie bittet, ihn beim Aufräumen und Ausmisten zu unterstützen, helfen Sie! Versuchen Sie nicht, mehr zu helfen, als der Betroffene will. Will der Betroffene mit Ihnen sein Arbeitszimmer aufräumen, dann drängen Sie ihn nicht, auch gleich noch das Schlafzimmer anzugehen.
  • Achten Sie darauf, dass Sie, wenn der Betroffene Sie um Hilfe gebeten hat, nicht seine Alltagsaufgaben auf Sie abwälzt. Sie können helfen, ein über lange Jahre aufgebautes Chaos abzubauen. Sie übernehmen aber nicht den Alltag!
  • Macht der Betroffene eine Therapie, dann erwarten Sie nicht, dass sich von heute auf morgen alles ändert. Das dauert seine Zeit. Arbeitet der Betroffene hart an sich, kann es sein, dass sich sein Verhalten gewissermaßen kompensatorisch an anderer Stelle ändert. Akzeptieren Sie das, wenn es nicht allzu schlimm für Sie ist. Eine Therapie kann sehr hart sein. Sie können dafür Verständnis zeigen. Sollen Sie als Angehöriger in die Therapie miteinbezogen werden? Dann tun Sie das, wenn Sie es wollen.
  • Manchmal will der Betroffene auch nur, dass Sie ihm zuhören. Dann enthalten Sie sich jeglicher Ratschläge, bis er einen Ratschlag von Ihnen will.

Was Sie nicht können, ist dem unwilligen Betroffenen in langen Gesprächen klar zu machen, dass es ganz vernünftig wäre, mal einen Abfallcontainer kommen zu lassen. Der Betroffene wird Ihnen, weil er seine Ruhe haben will, vielleicht hoch und heilig versprechen, gleich am Montag den Container zu bestellen. Wenn Sie dann am Freitag nachfragen, dann gab es leider leider ein kleines Problem bei der Containerfirma, aber nächste Woche bestimmt … .

Wenn dem Betroffenen der Wille fehlt, können Angehörige und Freunde nur eins machen: Sich selbst helfen!

Und was können Angehörige und Freunde für sich tun?

Je nachdem, wie tief Sie als Angehöriger oder Freund eines Menschen mit Messie-Syndrom verstrickt und belastet sind, sollten Sie sich Hilfe suchen. Das kann eine Selbsthilfegruppe sein, ein Gespräch mit einem Freund oder eine Therapie.

Im Zentrum der Hilfe für sich selbst steht das Thema Abgrenzung. Sie müssen sich aus der Verstrickung in die Messie-Syndrom-Problematik des Betroffenen lösen. Die Verantwortung für das Verhalten des Betroffenen liegt nicht bei Ihnen. Sie sind deshalb auch nicht der Schlüssel für eine Verhaltensänderung des Betroffenen. Das bedeutet nicht, dass Sie den Betroffenen als Mensch ablehnen sollen. Sie nehmen ihn an, als der Mensch, der er mit seiner Problematik nun mal ist, übernehmen aber nicht die Verantwortung. Deshalb lügen Sie nicht mehr für den Betroffenen und entschuldigen ihn nicht. Sie verstecken die Folgen des Messie-Syndroms nicht mehr. Und Sie  schützen ihn auch nicht mehr davor.

Abgrenzen bedeutet aber auch: Grenzen setzen. Machen Sie deutlich, wo Ihr Raum im Sinne des Wortes, aber auch im Sinne der Voraussetzungen, die Sie für die Entfaltung Ihrer Persönlichkeit brauchen, beginnt und dass Sie über diesen Raum bestimmen. Ziehen Sie rote Linien!

Abgrenzen bedeutet auch, dass Sie Ihren eigenen Bedürfnissen und Interessen nachgehen, auch wenn das auf Kosten der Bedürfnisse des vom Messie-Syndrom Betroffenen geht. Wenn Sie tief in die Problematik verstrickt waren, müssen Sie vielleicht lernen, Ihre Bedürfnisse überhaupt wahrzunehmen. Wenn Sie immer das getan haben, was für den Betroffenen gut war, tun Sie jetzt das, was für Sie gut ist.

Lesenswerte Internetseiten

Wege aus dem Chaos, Informationsdienst Psychologie 1/2002

Werner Groß: Messie-Syndrom: Löcher in der Seele stopfen (Deutsches Ärzteblatt PP 1, Ausgabe September 2002, Seite 419)

Johannes von Arx: Das Messie-Syndrom: Fotos, Fakten, Fragen, Fragen, Fragen

Johannes von Arx: Der Sammler, Die Geschichte eines Messies

Johannes von Arx: Was sind Messies?

Alexander Ullrich, Messies – Überleben im Chaos

Volker Faust, Einsam unter Müll, Vermüllungs-Syndrom – Diogenes-Syndrom

Oliver Prygotzki: Messie-Syndrom – Beschreibung, seelische Ursachen, Hilfe & Heilung

Simone Linsenbühler, Validierung der Bestandsaufnahme zur Erfassung des pathologischen Kaufens – Reliabilität und Validität des Fragebogens zum zwanghaften Erwerb ( Dissertation)

Richard L. Fellner: Messies – Interview zum „Messie-Syndrom“ und „Vermüllungs-Syndrom“

H-Team e.V.: Desorganisiertes Wohnen – Messie-Syndrom: Begriffe – Hintergründe – Funktionen – Ansätze für unterstützende Interventionen

H-Team e.V.: Vermüllungssyndrom, Messiesyndrom – Differenzierungen, Ursachen, Hilfemöglichkeiten (Powerpointpräsentation)

Neurologen und Psychiater im Netz: Messie-Syndrom: Hilfe im Haushalt für die Betroffenen nicht nützlich

Gesundheitsberater Berlin: Ekkehart Eichler, Messie-Syndrom: Versunken im eigenen Leben

Berliner Mietermagazin: Hilfe und Selbsthilfe für Messies – Wenn das Sammeln aus dem Ruder läuft

Veronika Schröter: Das Messie-Syndrom – Äußeres Chaos als Ausdruck innerer Unordnung

Für Kinder und Jugendliche

Kinderbildungswerk: Wenn Sammeln zur Sucht wird: Das Messie Syndrom

Literaturtipps

finden Sie auf der Webseite von LessMess.

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