Was Sie tun, wenn Sie eine Sache haben – Über das Wesen des Besitzes

Eine der elementarsten menschlichen Verhaltensweisen ist es, „eine Sache zu haben“ bzw. „eine Sache zu besitzen“. Wenn wir zu viel haben oder haben wollen, führt das zu Problemen. Wenn wir zu wenig haben oder haben wollen, allerdings auch. Was aber tun wir eigentlich, wenn wir „eine Sache haben“? Diese Frage ist von existenzieller Bedeutung. Denn wenn wir uns eine Illusion darüber machen, worum es beim Haben geht, treffen wir vielleicht falsche Entscheidungen im Leben.

Wann wir von „haben“ sprechen?

Das Wort „haben“ ist eines der meistgebrauchten Wörter in der deutschen Sprache. Das liegt nicht zuletzt daran, dass es ein Hilfsverb ist, also in Sätzen wie „Ich habe dich gestern getroffen“ vorkommt. Es hat mehrere weitere Bedeutungen. Es kann bedeuten, dass man an etwas teilnimmt: „Ich habe Schule“. Oder es beschreibt einen Gefühlszustand oder eine Empfindung: „Ich habe Angst.“ Es kann einen Befehl oder eine Verpflichtung ausdrücken, z.B. in „Ich habe dieses oder jenes zu tun“. Haben beschreibt Eigenschaften, also: „Der Vogel hat einen grünen Schnabel“. Und „haben“ bedeutet, etwas zu besitzen: „Ich habe einen Mercedes“.

Wir sehen: Einige der Bedeutungen von „haben“ haben etwas mit einem Tun zu tun, andere weniger. Wenn ein Vogel einen grünen Schnabel hat, dann geht es um sein Sein und nicht sein Tun. Wie aber steht es, wenn jemand einen Mercedes „hat“? Ist das ein Verhalten?

Haben in der Tierwelt

Wir Menschen sind im Grunde nichts anderes als intelligente Tiere. Also lohnt ein Blick in die Tierwelt:

Ein großer brauner Bär reißt in Alaska einen Elch. Er fängt an zu fressen. Was passiert? Binnen 10 Minuten finden sich andere Bären, Wölfe, Krähen und Adler ein, die alle einen Bissen abhaben wollen. Was macht der Bär? Er verteidigt seine Beute und versucht, seine Fresskonkurrenten zu vertreiben. Gelingt ihm das, sagen wir: Ihm gehört der Elch.

Andere Tiere tun sich etwas schwerer damit, ihre Beute zu verteidigen. Sie entwickeln andere Strategien. So verstecken Eichhörnchen „ihre“ Nüsse. Bienen bauen Behausungen, in denen sie ihre Honig-Vorräte lagern.

Viele Tiere haben auch ein Revier, aus dem sie konkurrierende Artgenossen fernhalten. Die Reviere können durchaus unterschiedlich groß sein und unterschiedlichen Zwecken dienen: Jagdreviere, Brutreviere, Fortpflanzungsreviere …

Haben=dem Zugriff anderer entziehen

Beim Menschen ist es nicht anders: Wenn jemand eine Sache hat, dann entzieht er sie dem Zugriff anderer. Die Methoden, wie er die Sache dem Zugriff anderer entzieht, haben sich im Lauf der Entwicklungsgeschichte der menschlichen Zivilisationen verfeinert. Wurde der Besitz ursprünglich mit Gewalt verteidigt, gibt es heutzutage Gesetze, die den Zugriff anderer hindern. Diese Gesetze gründen auf dem Gewaltmonopol des Staates und funktionieren nur, weil hinter ihnen die Drohung steht, Gewalt anzuwenden. Der Besitzer einer Sache verteidigt sie nicht mehr selbst mit Gewalt, sondern das erledigt der Staat für ihn. Das hat einen Vorteil: Während in der Tierwelt prinzipiell der körperlich Überlegenere sich in einem Konflikt um den Zugriff auf eine Sache durchsetzt, kann sich in einem modernen Staat auch der körperlich Schwächere durchsetzen. Das ist zwar manchmal etwas umständlich, aber es funktioniert. Sie müssen sich nicht mit finsteren, schwerbewaffneten, zwei Kopf größeren und muskelbepackten Typen herumschlagen, wenn Sie Ihr Eigentum wiederhaben wollen. Das tun Gerichtsvollzieher und Polizei für Sie.

Die andere Methode, Dinge dem Zugriff anderer zu entziehen, das Verstecken, wurde ebenfalls im Lauf der Zivilisation immer weiter verfeinert. Vergrub man früher seine Schätze im Wald oder versteckte sie in Höhlen, benutzt man heute Bankkonten in Offshore-Finanzplätzen …

Betrachtet man die Erde aus dem Weltall, dann wird deutlich, dass es eine Zugriffsicherung gibt, die die Zivilisationen der Menschheit in besonderem Ausmaß prägen: Gebäude, Mauern und Zäune und ähnliche Barrieren. Gebäude geben Unterschlupf, sind Nistplatz und schützen die dort aufbewahrten Dinge vor unbefugtem Zugriff. Besonders wertvolle Dinge werden zusätzlich in Safes gesichert.

Funktion des Habens

Die „biologische“ Funktion des Habens liegt auf der Hand. Sie ist überlebenswichtig. Essen ist nicht möglich, wenn andere die Beute wegnehmen und nichts übrigbleibt. Die Jungenaufzucht ist nicht möglich, wenn es kein Nest gibt, von dem andere ferngehalten werden. Auch ein Unterschlupf kann überlebenswichtig sein. Wenn ein Tier ein Revier hat, dann schützt es eine Ansammlung von natürlichen Ressourcen vor dem Zugriff von Konkurrenten: Nahrung, Unterschlupf, Nest, Paarungspartner … Viele Tiere könnten nicht überleben, müssten sie Tag für Tag neuen Unterschlupf und neue Nahrungsquellen suchen. Ein festes Revier gibt Orientierung. Wie viel mühsamer ist demgegenüber der ständige Revierwechsel …

Funktion des Habens in einer Gruppe

Das Haben kann auch ein gemeinsames Haben sein. Eine Gruppe verwehrt den Mitgliedern anderer Gruppen den Zugriff auf ihre Ressourcen. Die Gruppe erleichtert es, anderen den Zugriff zu verwehren. Gemeinsam ist man stark.

Solches gemeinsames Haben bedingt übrigens wiederum, dass es Mechanismen gibt, die die Nutzung der gemeinsamen Dinge durch die einzelnen Gruppenmitglieder ordnet. Das können ganz brutale Mechanismen sein. Der Leitwolf frisst zuerst. Die anderen müssen nehmen, was übrig bleibt.

Dauer des Habens

Manche Dinge hat man nur kurze Zeit, nämlich bis sie verbraucht sind. In der Tierwelt heißt das: Bis sie gegessen sind. Andere Dinge hat man nur, solange man sie verteidigen kann. Ein Mustang-Hengst hat seine Stuten nicht mehr, wenn ein anderer Hengst ihn im Zweikampf besiegt hat. Wird das Versteck geplündert, hat ein anderes Eichhörnchen die Nuss. Und der Bär, der den Bienenstock aufbricht, hat den Honig.

Wesen des Habens einer Sache

Wir können festhalten: Wir „haben eine Sache“, wir „besitzen eine Sache“, wenn wir andere vom Zugriff auf die Sache ausschließen können, indem wir Gewalt anwenden, die Sache verstecken oder Barrieren errichten. Das ist das Wesen des Habens einer Sache. Wenn Sie denken, wenn Sie eine Sache haben, haben Sie eine Beziehung zu der Sache, täuschen Sie sich. Das Haben einer Sache kann durch eine Beziehung motiviert werden, kann eine Beziehung zur Folge haben, ist aber niemals selbst eine Beziehung. Sie können in Beziehung zu den Personen treten, die die Sache, die Sie haben wollen, auch haben wollen, und die Sie vom Zugriff ausschließen. Und da das Haben einer Sache keine Beziehung zu der Sache ist, ist es auch kein Grund, liebe Messies, die Sache zu behalten.

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